Curriculum Neurorehabilitation Modul 2 — 21.03.2017

Fertl Häufig gestellte Fragen zum Thema Neurologie, beantwortet von Prim.a Univ. Doz.in Dr.in Elisabeth Fertl.  

Was macht die Neurologin/der Neurologe?

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

NeurologInnen sind klinisch tätige Fachärztinnen und -ärzte, die Menschen mit neurologischen Erkrankungen diagnostizieren und behandeln. Eine Neurologin / ein Neurologe ist für das Nervensystem und die Skelettmuskulatur zuständig. Da diese Strukturen den gesamten Organismus durchziehen, muss auch stets der ganze Mensch im Blickfeld bleiben. Das kann im Spital, in einer Ordination, in einem Rehabilitationszentrum oder im Pflegeheim stattfinden. Sowohl in der Forschung an den Universitäten als auch in der Begutachtung sind NeurologInnen gefragt. Der ärztliche Nachwuchs wird an Universitäten, Spitälern und in Lehrpraxen von NeurologInnen ausgebildet.

Welche neurologischen Erkrankungen gibt es?

Man unterscheidet mehrere häufige Ursachen von Krankheiten: vaskulär (=gefäßbedingt, z.B. Schlaganfall, Gehirnblutung) Infektionen (z.B. Hirnhaut- und Hirnentzündung, also Meningitis / Enzephalitis, und Neuropathien) entzündlich-autoimmun (z. B. Multiple Sklerose, Myasthene Syndrome, Neuropathien) traumatisch (z.B: Schädel-Hirn-Trauma, Querschnitts-Syndrom) neoplastisch (= tumorbedingt, z.B: Tumore von Gehirn und Rückenmark, Fernwirkungen von Tumoren) degenerativ (z.B: Wirbelsäulen-Syndrome, Parkinsonerkrankung, Demenz) anfallsartig (z.B: Epilepsie, Narkolepsie) metabolisch (zB. diabetische Neuropathie) Schlafstörungen (zB. Restless-legs-Syndrom) Vergiftungen Erbkrankheiten des Nervensystems und der Muskulatur Mono- und Polyneuropathien Erkrankungen von Muskeln und Nervenwurzeln

Welche Untersuchungen macht eine Neurologin/ein Neurologe?

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Eine Neurologin / ein Neurologe macht klinische und apparative Untersuchungen selbst. Zu den klinischen Untersuchungstechniken zählen die Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), die Außenanamnese (Gespräch mit Angehörigen), die neurologische Untersuchung (Überprüfung von Hirnfunktionen/ Empfindung und Bewegungen/Koordination/Gang) und Spezialtechniken (z.B. Gefäßzustand, Sensibilitätsprüfung, Gleichgewichtstestung, Testung von höheren Gehirnleistungen ). Zu den apparativen Untersuchungen zählen die Elektroenzephalographie – EEG (Messung der Gehirnströme), Neurographie (Messung der Leitfähigkeit der Nerven), Elektromyographie (Messung der Muskelaktivität), evozierte Potentiale (Funktionsprüfung verschiedener Leitungsbahnen im Nervensystem), Ultraschall (Halsgefäße, Nerven, Muskeln), Liquorpunktion (Entnahme von Nervenwasser) und zahlreiche andere Spezialuntersuchungen.

Welche Behandlungsmethoden gibt es in der Neurologie?

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Wir unterscheiden immer kausale und symptomatische Behandlungen. Kausal bedeutet, man kann die Ursache der Erkrankung beheben (z.B: Rekanalisation eines verstopften Hirngefässes beim akuten Schlaganfall) oder den Verlauf einer Erkrankung günstig beeinflussen (z.B: Verhinderung von epileptischen Anfällen) – symptomatisch heisst, man kann Beschwerden lindern (z.B: Minderung der Spastizität bei Multipler Sklerose) oder verbessern (z.B. durch neurophysiotherapeutische Maßnahmen bei vielen neurologischen Erkrankungen). Das medikamentöse Behandlungsspektrum in der Neurologie ist extrem vielfältig. NeurologInnen weisen im Bedarfsfall ihre PatientInnen zur Neurochirurgie (z.B. Entfernung eines Gehirntumors, Bandscheiben-Operation) oder Gefäßchirurgie (z.B: Operation einer Engstelle einer Halsschlagader) zu. In der Neurorehabilitation bieten wir gemeinsam mit den TherapeutInnen (Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie) eine aktive Übungsbehandlung zur Wiederherstellung der Selbstständigkeit im Alltag an. Für psychosoziale Anliegen arbeiten wir mit Neuropsychologe und Sozialarbeit zusammen, um die Anpassung an chronische Erkrankungen zu fördern.

Wann braucht man eine Fachärztin/einen FachärztIn für Neurologie?

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Bei neurologischen Notfällen muss immer eine Fachärztin/ein Facharzt für Neurologie zeitnahe im Spital die Behandlungsführung übernehmen, um für die Patientin / den Patienten die bestmögliche Behandlung zu garantieren. Akute neurologische Erkrankungen sollten an einer Spitalsabteilung für Neurologie versorgt werden (z.B. Schlaganfall- Überwachungsstation [ = Stroke Unit]) Bei chronischen neurologischen Erkrankungen brauchen Sie eine Fachärztin/einen Facharzt für Neurologie in der Ordination (z.B: Epilepsie, Morbus Parkinson, Kopfschmerz) oder in Spezialambulanzen eines Krankenhauses. In der Neurorehabilitation kann die Fachärztin/der Facharzt für Neurologie am besten den Behandlungsplan erstellen und die Behandlungserfolge überprüfen

Wie finde ich eine Fachärztin/einen FachärztIn für Neurologie?

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Es gibt in Österreich über 50 Abteilungen für Neurologie, in 38 davon befindet sich auch eine Stroke Unit, in manchen auch eine neurologische Intensivstation (Abteilungsverzeichnis). Das Ordinationsverzeichnis von NeurologInnen finden Sie über die Homepage Ihrer jeweiligen Landes-Ärztekammer (Österreichische Ärztekammer). Ihre Hausärztin / Ihr Hausarzt arbeitet sicherlich mit einer Fachärztin / einem Facharzt für Neurologie zusammen, fragen Sie nach dem Kontakt und einer Überweisung.

Was ist ein neurologischer Notfall?

Symptome eines Schlaganfalls (plötzliche halbseitige Lähmung, plötzliche halbseitige Sensibilitätsstörung, plötzlich Sprach- oder Sehstörung) Plötzlicher starker, bislang nicht erlebter Kopfschmerz Status epilepticus (epileptischer Anfall, der nicht von selbst aufhört) Plötzliche Bewusstseinsstörungen bis zu Koma Plötzliche Wesensänderung

Wie wird man FachärztIn für Neurologie?

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Um als Neurologin/Neurologe zu arbeiten, muss eine lange theoretische und praktische Ausbildung durchlaufen werden: nach der Matura folgt ein sechsjähriges Studium der Humanmedizin, anschließend eine sechsjährige Facharztausbildung im Spital, bis von der österreichischen Ärztekammer die Berechtigung zur selbstständige Berufsausübung als Neurologin/Neurologe verliehen wird. Nach 12 Jahren Ausbildung kann dann eigenverantwortlich im Spital, in der Ordination oder im Rehabilitationszentrum gearbeitet werden. Seit einigen Jahren werden alle Facharztausbildungen im EU-Raum als gleichwertig anerkannt und es besteht somit die Niederlassungsfreiheit in einem großen Wirtschaftsraum.

Welche Arbeitsmethoden gibt es in der Neurologie?

Foto von Dr. Doris Lieba-Samal

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

In der Neurologie liegt der Schwerpunkt auf den klinischen Untersuchungstechniken (Anamnese und neurologische Untersuchung), weil auf diesem Weg bereits der Großteil aller Fragestellungen beantwortet werden kann. Auch im 21. Jahrhundert sind diese „klinisch diagnostischen Fähigkeiten” der NeurologInnen unverzichtbar, weil nur über die Methode der „topischen Diagnostik” (genaue Zuordnung eines Symptoms zum betroffenen Teil des Nervensystems) Hinweise auf die Ursache des neurologischen Krankheitsgeschehens erstellt werden kann. Eine Neurologin/ein Neurologe braucht daher ein umfassendes Verständnis der Neuroanatomie und exzellente Kenntnisse der Krankheitslehre. NeurologInnen führen mit PatientInnen und Angehörigen oft detaillierten Gespräche, sei es bei der Diagnosefindung, während der weiteren Behandlung(en) oder im Rahmen der oft jahrelangen Betreuung. Ohne eine gute Anamnese (Erhebung der Beschwerden aus der Sicht der/des Betroffenen) kann ein Beschwerdebild gar nicht zugeordnet werden. Nach der klinischen Untersuchung erstellt die Neurologin/der Neurologe einen differentialdiagnostischen Plan, um die Arbeitshypothese zur Erkrankung zu belegen. Dann erst werden die notwendigen Zusatzuntersuchungen (z.B. Labor, Bildgebung) durchgeführt, die dazu dienen, die klinische Verdachtsdiagnose zu bestätigen . Je nach Krankheitsbild muss die Neurologin/der Neurologe in der Therapie entweder sehr schnell oder sehr langsam vorgehen. Manchmal zählen Minuten (z.B. Schlaganfall), in anderen Fällen ist eine Patientin/ein Patient über Jahrzehnte zu betreuen (z. B. Multiple Sklerose). Der direkte Kontakt mit PatientInnen und die gemeinsame Entscheidungsfindung für die weitere Behandlung sind in der Neurologie bei dem beschriebenen großen Therapiespektrum von entscheidender Bedeutung. Generell gilt die Grundregel: eine frühe Diagnose ist ein enormer Vorteil für den Behandlungserfolg .

Was unterscheidet die Neurologie von allen anderen medizinischen Sonderfächern?

Die Neurologie gilt als komplexe und dadurch herausfordernde medizinische Fachdisziplin. Die diagnostische Zuordnung von Symptomen stellt hohe Anforderungen. Kontinuierliche Weiterbildung ist ein zentrales Anliegen von NeurologInnen. Gleichzeitig erfordert die Breite des Faches besondere Fähigkeiten im Umgang mit Patientinnen und Patienten.    

Welche Merkmale kennzeichnen das Fach Neurologie?

Komplex, faszinierend, ganzheitlich, umfassend (alle Alterklassen, Frauen und Männer, akute und chronische Erkrankungen), dynamisch, innovativ

Was sind neurologische Leitsymptome (geordnet nach Häufigkeit in zentralen Notaufnahmen)?

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Foto: Dr.in Doris Lieba-Samal

Kopfschmerzen Motorisches Defizit (Lähmung) Schwindel Epileptischer Anfall Bewusstseinstrübung bis zum Koma Sensibilitäts (Empfindungs-)störung Sehstörung Sprach-/Sprech-/Schluckstörung Psychosyndrom/Erinnerungsausall Bewegungs- oder Koordinationsstörung Andere Schmerzen Sonstige

Univ. Doz.in Dr.in Elisabeth Fertl ist Primaria der neurologischen Abteilung Krankenanstalt Rudolfstiftung Ergänzend finden Sie unter Neurologische Filme auf unserer Webseite Videos über neurologische Krankheitsbilder sowie Informationsfilme der ÖGN.
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Zuletzt geändert von Walter Struhal