Curriculum Neurorehabilitation Modul 2 — 21.03.2017

All posts by Walter Struhal

Schmidt2

World Brain Day: Altersbedingte Hirnveränderungen: Wie sich kognitive Defizite vermeiden oder verzögern lassen

Statement Univ.-Prof. Dr. Reinhold Schmidt, Präsident Past der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN); Leiter der Klinischen Abteilung für Neurogeriatrie, 1. Stv. Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie, Graz

Das Erreichen eines höheren oder hohen Alters wird gemeinhin oft mit Hinfälligkeit und Defiziten gleichgesetzt, insbesondere auch, was die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns betrifft. Doch die Annahme, Demenz sei eine unvermeidliche Folge des Alters, ist schlichtweg falsch: Die Hälfte der Menschen im Alter von 90 Jahren haben keine Gedächtnisstörungen. Im Detail zu verstehen, warum das so ist und welche Personen vor einem Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit eher geschützt sind als andere ist schon angesichts der demographischen Entwicklung ein wichtiges Ziel. Dies auch deshalb, weil solche Erkenntnisse die Basis für gezielte Prävention bieten können.

Wie andere Forschergruppen in aller Welt beschäftigen wir uns in Graz intensiv mit der Untersuchung von Faktoren, welche die Hirnalterung und ihre Folgen – wie eben den Abbau intellektueller Fähigkeiten – beeinflussen.

Epidemische“ Verbreitung von altersbedingten Veränderungen im Gehirn ab 60

Ein wichtiger Befund ist, dass durch Kleingefäßerkrankung bedingte Hirnveränderungen, aber auch Alzheimerpathologie, bei Personen über dem 60. Lebensjahr gehäuft auftreten. Bei mehr als 90 Prozent der Über-90jährigen sind altersbedingte Veränderungen der weißen Hirnmasse („white matter leasions“, WML) zu beobachten, in der Altersgruppe zwischen 45 und 75 Jahren immerhin auch schon bei 67 Prozent. Etwa die Hälfte aller 50jährigen weist Alzheimerpathologie in bestimmten Hirnarealen (entorhinale Hirnrinde) auf.

Studien mit moderner Neuro-Bildgebung zeigen ebenso wie pathologische Studien, dass im alternden Gehirn eine sehr komplexe Interaktion von degenerativen und vaskulären Prozessen stattfindet. Sie verstärken einander und potenzieren das Risiko für kognitiven Abbau, wenn sie gemeinsam auftreten. Finden sich beispielsweise im Gehirn zugleich Alzheimerpathologie und Infarktareale, ist das Demenzrisiko gegenüber Menschen ohne solche Veränderungen sechsfach erhöht. Bei einem gemeinsamen Vorliegen von Alzheimer-typischen pathologischen Veränderungen und Lewy-Körperchen (Lewy bodies, LB), also Einschlüssen im Gehirn, die typisch für die neurodegenerativen Prozesse bei Parkinson sind, um das zehnfache. Bei einer Vergesellschaftung von LB-Pathologie, Alzheimer-Pathologie und Infarkt schließlich steigt das Demenzrisiko auf das 16fache.

So verändert sich die Kognition mit dem Alter

Wenn derartige Läsionen im Gehirn derart häufig auftreten, ist die Frage, welche Auswirkungen sie auf die kognitiven Fähigkeiten haben, natürlich von besonderer Relevanz. Studien zeigen, dass es bis zum etwa 60. Lebensjahr diesbezüglich kaum Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Menschen gibt. Stärkere Funktionsverluste sind zwischen 75 und 80 Jahren zu erwarten, erst mit 90 Jahren erreicht der kognitive Funktionsverlust bis zu eine Standardabweichung von der Gehirnleistung junger Menschen. Die Standardabweichung ist eine statistische Messgröße, die beschreibt, wie weit ein Messwert im Durchschnitt vom Mittelwert entfernt ist. Dann aber geht es mit den Gehirnfunktionen nicht notwendigerweise weiter rapide bergab: etwa die Hälfte aller 81jährigen hält ihren Leistungsstandard über weitere sieben Jahre unverändert.

Kompensationsmeister Gehirn

Eine der vielen faszinierenden Fähigkeiten unseres Gehirnes ist die sogenannte „Kognitive Reserve“, das ist seine Kapazität, Schädigungen zu kompensieren und die klinischen Auswirkungen von Erkrankungen nach Möglichkeit zu minimieren. Wollen wir kognitive Abbauprozesse im höheren Lebensalter günstig therapeutisch beeinflussen oder ihnen überhaupt wirksam vorbeugen, dann ist es entscheidend, jene Faktoren zu entschlüsseln, die genau diese kognitive Reserve erhöhen oder vermindern. Hier haben Studien einige interessante Möglichkeiten herausgefiltert, wie sich das Gehirn kognitiv fit halten lässt.

Sozialkontakte, Bewegung, Spielen und Musizieren: So bleibt das Gehirn aktiv

So zeigt sich etwa, dass negativer Stress, Einsamkeit und Depression, einzeln und erst recht gemeinsam auftretend, ebenso negativ auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten wirken wie vaskuläre Risikofaktoren (zum Beispiel Bluthochdruck, ungünstige Blutfett- und Blutzuckerwerte).

Wichtig ist es, das Gehirn mit neuen Reizen in Schwung zu halten. So verringert, wie eine im New England Journal of Medicine publizierte Studie zeigt, das häufige Spielen von Brettspielen das Demenzrisiko um 74 Prozent, intensives Lesen um 35 Prozent, das Spielen eines Musikinstruments um 69 Prozent und das Lösen von Kreuzworträtseln um 41 Prozent.

Hochinteressant sind auch die Ergebnisse der „Religious Orders Study“, in der über mehr als 20 Jahre lang rund 1.100 Priester, Mönche und Nonnen untersucht wurden. Bei einem gleichen Ausmaß an Alzheimer-typischen pathologischen Veränderungen im Gehirn, bauen Menschen kaum kognitive Fähigkeiten ab, wenn sie in soziale Netzwerke eingebunden sind, während Personen ohne soziale Vernetzung in Abhängigkeit der Menge an Pathologie auch kognitive Verschlechterungen aufwiesen. Diese Zusammenhänge sind auch im Tierexperiment nachweisbar. Wer also kontaktfreudig und sozial aktiv bleibt, hat die besseren Karten.

Eine wichtige Rolle für die Gehirngesundheit spielen auch Bewegung und gezieltes kognitives Training. Mehrmals wöchentliches körperliches und kognitives Training im mittleren Lebensalter kann dazu beitragen, den Demenzbeginn im Alter zu verzögern. Bei gesunden älteren Menschen oder Menschen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (mild cognitive impairment, MCI) – einem Stadium zwischen natürlichem Alterungsprozess und demenziellen Erkrankungen – sorgen regelmäßige physische Aktivität und kognitives Training für eine Steigerung der Leistungsfähigkeit des Gehirns. Ob sie in dieser Gruppe auch zu einer Verzögerung des Demenzbeginns beitragen können, ist nicht bewiesen bzw. umstritten.

Multimodaler Ansatz erlaubt Verbesserungen der kognitiven Funktion

Kontrollierte Interventionsstudien wie FINGER (Finnish Geriatric Intervention Study to Prevent Cognitive Impairment and Disability) zeigen ähnliche Faktoren auf: Eine multimodale Intervention bestehend aus Ernährungsempfehlungen, regelmäßiger Bewegung, kognitivem Training und einer engmaschigen Kontrolle von vaskulären Risikofaktoren erwies sich in dieser Untersuchung als effektiv, um die kognitive Funktion von Menschen mit einem hohen Demenzrisiko zu erhalten oder zu verbessern. 

In der MAPT-Studie (Multidomain Approach for Preventing Alzheimer’s Disease) wurde der Effekt von Omega-3-Fettsäuren, allein oder in Kombination mit Ernährungsberatung, Bewegung und kognitivem Training untersucht. Die Kombination aller genannten Elemente konnte den kognitiven Abbau bei älteren Personen verlangsamen, insbesondere bei Menschen mit MCI.

Die Pre-DIVA-Studie (Prevention of Dementia by Intensive Vascular Care) zeigte einen positiven Effekt einer engmaschigen Kontrolle und Behandlung vaskulärer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, hohe Blutfettwerte, Diabetes, Übergewicht, Rauchen, verbunden mit körperlichem Training, auf das Entwickeln einer Demenz.

Lesen Sie mehr über den Welttag des Gehirns 2016 (World Brain Day)

Medienkontakt: B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung

Dr. Birgit Kofler

+43-676-636 89 30; +43-1-319 43 78

kofler@bkkommunikation.com

Read More
Fertl.klein

World Brain Day: Steigende Lebenserwartung als Herausforderung für die Neurologie – Dichtes Versorgungsnetz in Österreich auch für die Zukunft sichern

Statement Prim.a Univ.-Doz.in Dr.in Elisabeth Fertl, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN); Vorständin der Neurologischen Abteilung am Krankenhaus Rudolfstiftung, Wien

Im Jahr 2035 werden rund drei Millionen Österreicherinnen und Österreicher über 60 Jahre alt sein. Das ist in Hinblick auf die steigende Lebenserwartung erfreulich. Allerdings müssen wir uns aber auch auf die unvermeidlichen Begleiterscheinungen dieser Entwicklung einstellen.

Bereits jetzt muss jede und jeder Dritte zumindest einmal im Leben eine Neurologin oder einen Neurologen konsultieren. In Europa leiden nach den Angaben des European Brain Council 220,7 Millionen Menschen, das entspricht der gemeinsamen Einwohnerzahl von Deutschland, Frankreich und Großbritannien, an zumindest einer neurologischen Erkrankung wie zum Beispiel Epilepsie, Multipler Sklerose oder Migräne. Damit liegt die Erkrankungsprävalenz höher als jene durch Atemwegserkrankungen, gastrointestinale Störungen oder Krebs.

All dies weist eine steigende Tendenz auf: Denn das Risiko für eine ganze Reihe von verbreiteten neurologischen Erkrankungen wie Demenz, Morbus Parkinson oder Schlaganfall steigt mit dem Alter an. Und die Altersgruppe der Über-60jährigen wächst nicht nur bei uns, sondern weltweit. Stellen die über 60jährigen heute mit 800 Millionen noch 12 Prozent der Weltbevölkerung, werden es im Jahr 2050 bereits 21 Prozent, also mehr als zwei Milliarden Menschen sein. Damit kommen enorme Herausforderungen auf die neurogeriatrische Versorgung und die Sozialsysteme zu.

Versorgung in Österreich vorbildhaft

Zum Glück ist Österreich, was das neurologische Versorgungsnetz betrifft, auch im internationalen Vergleich hervorragend aufgestellt. In Europa ist die Dichte an Neurologinnen und Neurologen im Verhältnis zur Bevölkerung je nach Land höchst unterschiedlich. In Österreich stehen insgesamt 970 Fachärztinnen und Fachärzte der Neurologie bzw. Fachärztinnen und Fachärzte für Neurologie/Psychiatrie zur Verfügung. Weniger als die Hälfte, nämlich 441 Neurologinnen und Neurologen, sind im niedergelassenen Bereich in Ordinationen tätig, davon allerdings nur 144 mit Kassenvertrag.

38 neurologische Akutabteilungen, alle auch mit Stroke Unit und für neurologische Notfälle jederzeit verfügbar, stellen die stationäre Versorgung sicher. Dazu kommen ein zunehmend dichteres Netz an neurologischen Rehabilitationszentren und auch andere Spezialeinrichtungen für die Nachsorge von Menschen mit chronischen Erkrankungen des Nervensystems.

Neue Herausforderungen

Das Beispiel der Schlaganfallbehandlung zeigt uns, dass wir dieses hervorragende Versorgungsangebot aber auch immer wieder den aktuellen Entwicklungen und Anforderungen anpassen müssen – eine in Zeiten knapper Ressourcen wahrliche „Herkules-Aufgabe“.

Österreich hat ein auch im internationalen Maßstab vorbildliches Netz von spezialisierten Schlaganfall-Überwachungs-Einheiten (Stroke Units). Wie auch internationale Studien zeigen, verbessern diese Spezialeinrichtungen die Versorgungsqualität enorm. Nun gibt es in der Schlaganfall-Therapie neben der intravenösen Thrombolyse, also der medikamentösen Auflösung von Gerinnseln, einen weiteren wichtigen Fortschritt, nämlich die Kombination von systemischer Thrombolyse plus mechanischer Gerinnsel-Entfernung (endovaskuläre Thrombektomie), bei der mittels Katheter der Thrombus aus dem Blutgefäß herausgezogen wird.

Bei zehn bis 15 Prozent aller Fälle, wenn ein großes Hirngefäß durch ein sehr langes Gerinnsel verstopft ist, funktioniert die Thrombolyse oft nur bedingt. Das betrifft in Österreich immerhin 2.000 Menschen jährlich. Mit der Kombination von Thrombektomie und Thrombolyse haben wir jetzt eine wirksame und sichere Methode zur Behandlung solcher Großgefäßverschlüssen zur Verfügung.

Die Überlegenheit der Thrombektomie bei ausgewählten Patientengruppen gegenüber der medikamentösen Standard-Therapie wurde jüngst in mehreren Studien und schließlich auch einer Meta-Analyse aller aktuellen Studien überzeugend belegt. Mehr als 60 Prozent der Behandelten überstehen den Schlaganfall aufgrund eines solchen Eingriffs ohne oder mit nur geringer Behinderung. Mittlerweile haben die relevanten europäischen Fachgesellschaften eine gemeinsame Therapieempfehlung dazu veröffentlicht, die auch von den zuständigen österreichischen Gesellschaften übernommen wurde.

Die erfolgreiche Durchführung von Thrombektomien stellt besondere organisatorische und personelle Anforderungen, vom Zeitfenster, in dem der Eingriff stattfinden muss, über die Wahl der geeigneten Instrumente und den richtigen Einsatz bildgebender Verfahren bis hin zur Nachsorge. Bislang können wir diese Methode an elf Stroke-Units mit Interventionsmöglichkeit anbieten. Es werden also weitere Anstrengungen nötig sein, um diese zusätzliche spitzenmedizinische Leistung flächendeckend in ganz Österreich, rund um die Uhr, sicherstellen zu können. Unter den bekannt schwierigen ökonomischen Rahmenbedingungen wird es nicht ganz einfach sein, diese Ressourcen zu schaffen. Letztlich muss sich die Gesellschaft hier der Frage stellen, ob sie sich eine optimale medizinische Versorgung, insbesondere auch ihrer älteren Mitglieder, leisten will.

Motivation für den Neurologennachwuchs

Handlungsbedarf gibt es, um eine gute neurologische Versorgung auch für die Zukunft sicherzustellen. Viele Neurologinnen und Neurologen werden in den kommenden zehn Jahren in Pension gehen. Es droht also eine Situation, in der weniger Fachärzte eine immer größer werdende Klientel betreuen müssen. Wir haben uns daher vorgenommen, die nachrückende Ärztegeneration verstärkt für unser interessantes und vielfältiges Fach zu begeistern. Unter anderem werden wir mit einer Informationsoffensive unter dem Motto „Neurologie – mein Fach!“ bereits Medizinstudenten ansprechen, um sie für eine neurologische Facharztausbildung motivieren. Das Vorbild jeder Neurologin und jedes Neurologen wird für die Berufswahl des Nachwuchses ebenso entscheidend sein.

Ressourcensparend und sicher

In manchen gesundheitspolitischen Diskussionen gewinnt man den Eindruck, dass in einer nicht allzu fernen Zukunft Patientinnen und Patienten einfach durch den Scanner geschickt oder Krankheiten mit Internetalgorithmen diagnostizierbar sein werden. Dem ist entgegenzuhalten, dass gerade gut ausgebildete Fachärztinnen und -ärzte für Neurologie viel an Ressourcen sparen und gleichzeitig die Patientensicherheit gewährleisten: Wir können mit rein klinischen Methoden (Anamnese, neurologische Untersuchung) 80 bis 90 Prozent aller Probleme abklären. Diese Rolle der fachspezifischen menschlichen Hinwendung zum Patienten wird besonders in der älter werdenden Gesellschaft des 21. Jahrhunderts unersetzbar bleiben.

Lesen Sie mehr über den Welttag des Gehirns 2016 (World Brain Day)

Medienkontakt: B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung Dr. Birgit Kofler Tel. +43-676-636 89 30; +43-1-319 43 78 kofler@bkkommunikation.com
Read More
oegn_logo

Gratulation!

Die ÖGN gratuliert allen Absolventen der heutigen Facharztprüfung herzlichst! Wir wünschen fröhliches Feiern und ein erholsames Wochenende.
Read More

4 Posterpreise für hervorragende Arbeiten beim ÖGN Kongreß vergeben

4 Arbeiten wurden beim ÖGN Kongreß mit einem Posterpreis prämiert: R. Höftberger (Medical University of Vienna, Department of Neurology) et al.: IgLON5 brainstem predominant 3-repeat and 4-repeat tauopathy with apneas and NREM-REM parasomnia (ITAP): a new clinico-pathologic entity? S. Iglseder (Medical University of Innsbruck, Department of Neurology) et al.: Expression of somatostatin receptors in meningiomas: Correlation of molecular PET-imaging and in-situ expression P. Wipfler (Paracelsus Medical University, Salzburg, Department of Neurology) et al.: Human herpesvirus -6B may affect different pathways like the MAPK pathway in mesial temporal lobe epilepsy Der Posterpreis der Arbeitsgruppe Frauen in der Neurologie ging an T. Gattringer (Medical University of Graz, Department of Neurology) et al.: .Sex-Related Differences of Acute Stroke Unit Care: Results From the Austrian Stroke Unit Registry Wir gratulieren sehr herzlich zu den hervorragenden Arbeiten!    
Read More
Fragebogen

ÖGN Kongreß – NeurologInnen für die Zukunft sichern! Füllen Sie bitte unseren Fragebogen aus!

Die ÖGN plant Initiativen um in Zukunft genügend NeurologInnen zu sichern. Helfen Sie uns dabei und füllen Sie den Fragebogen beim ÖGN Stand aus. Sie können dadurch mitbestimmen, welche Initiativen gesetzt werden um auch in Zukunft in Österreich eine hervorragende Versorgung aufrechtzuerhalten und das Fach für junge NeurologInnen attraktiv zu halten!
Read More

ÖGN-Jahrestagung in Innsbruck: Leistungsschau der modernen Neurologie

Neue Ansätze für Früherkennung und Therapie von Parkinson – Fortschritte bei der Alzheimer-Impfung – Viele Neuerungen bei Multipler Sklerose Wien/Innsbruck, 14.03.2016 (quelle:B&K, Fotos: (c) B&K/Nicholas Bettschart)
  Demenz: Kontrolle der Risikofaktoren zögert Erkrankungszeitpunkt hinaus – Fortschritte bei der Alzheimer-Impfung. Statement Univ.-Prof. Dr. Reinhold Schmidt, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN); 1. stv. Klinikvorstand, Universitätsklinik für Neurologie, Graz ÖGN Jahrestagung: Leistungsschau der modernen Neurologie – Neue Ansätze für Früherkennung und Therapie der Parkinson-Erkrankung. Statement Univ.-Prof. Dr. Werner Poewe, Präsident der 13. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN); Direktor, Universitätsklinik für Neurologie, Innsbruck Viele Neuerungen bei Multipler Sklerose – Individualisierung der Therapie.Statement Univ.-Prof. Dr. Franz Fazekas, Klinikvorstand, Universitätsklinik für Neurologie, Graz; Vizepräsident der European Academy of Neurology
Die Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie in Innsbruck bietet einen umfassenden Überblick über neue Entwicklungen in allen Bereichen des Fachgebietes. Bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer gibt nicht nur neue Einsichten in das Krankheitsgeschehen, die innovative Wege für Diagnose und Behandlung eröffnen, sondern auch Fortschritte bei der Entwicklung effektiver Impfstrategien. Die zunehmende Vielfalt an Therapieoptionen ermöglicht es bei der Multiplen Sklerose, die Behandlung immer besser an die individuelle Situation Betroffener anzupassen. 
Wien/Innsbruck, 14. März 2016 – Vom 16. bis 19. März 2016 findet in Innsbruck die 13. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) statt. der Präsident der Jahrestagung Univ.-Prof. Dr. Werner Poewe (Direktor, Universitätsklinik für Neurologie, Innsbruck): „Hauptthemen sind neurodegenerative Erkrankungen, Multiple Sklerose und andere immunvermittelte neurologische Krankheiten, die Prävention und Therapie des Schlaganfalls, neue Perspektiven der Epileptologie sowie aktuelle Erkenntnisse aus der neurologischen Schlafforschung.“
Parkinson: Pathologische Proteine, Prionen-Mechanismus
Alzheimer-Demenz und Morbus Parkinson sind die häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen. Die Parkinson-Krankheit betrifft rund zwei Prozent der Personen über 65 Jahren, in Österreich sind derzeit geschätzt 16.000 Menschen betroffen. Experten gehen davon aus, dass sich bis 2030 die Zahl der Erkrankten zumindest verdoppelt.
„Zuletzt gab es eine Reihe neuer Erkenntnisse zu den Ursachen der Parkinson-Erkrankung. So konnte eine Anreicherung des synaptischen Nervenzellproteins alpha-Synuclein im Gehirn von Parkinson-Pateinten als ein entscheidender Faktor in der Krankheitsentstehung identifiziert werden“, so Prof. Poewe.  „Neue Erkenntnisse gibt es auch zur These, dass Parkinson, ähnlich wie die Creutzfeld-Jakob-Krankheit, durch die Ausbreitung infektiöser Proteine im Gehirn verursacht wird.“ Wobei es vermehrt Hinweise für einen Ursprung der Parkinson-Krankheit außerhalb des Gehirns gibt: „Eine Hypothese geht davon aus, dass die pathologischen Veränderungen zunächst in den Nervengeflechten des Darms ihren Ursprung nehmen und dass das veränderte alpha-Synuclein dann über den Vagus-Nerv in das Gehirn transportiert wird.“
Darmbiopsie zur Parkinson-Früherkennung – Neuer Risiko-Score
Diese Einsichten eröffnen auch neue Ansätze für die Früherkennung und Therapie. So wird derzeit erforscht, ob eine sichere Frühdiagnose der Erkrankung durch eine Biopsie der Nerven im Darm, den Speicheldrüsen oder der Haut möglich ist. Einen wichtigen Fortschritt in Bezug auf die Früherkennung stellt auch die Definition von Diagnose-Kriterien für die prodromale Phase der Parkinson-Krankheit dar, also eine klinisch sehr frühe Phase, in der eine klassische klinische Diagnose auf Basis motorischer Symptome noch nicht möglich ist. „Wir haben kürzlich im Rahmen einer internationalen Expertengruppe einen neuen Risiko-Score für die Wahrscheinlichkeit definiert, eine Parkinson-Krankheit zu entwickeln“, so Prof. Poewe. „Dieser enthält unter anderem Kriterien wie Geruchssinnstörung, Stuhlverstopfung oder Rauchen und Koffeinkonsum.“
EU-gefördertes Projekt prüft Parkinson-Impfung
Eine der derzeit erforschten therapeutischen Strategien bei Parkinson zielt darauf ab, die pathologische Verklumpung von alpha-Synuclein und den Weitertransport des krankhaft veränderten Proteins von Zelle zu Zelle zu blockieren. Ein Ansatz, der unter anderem vom im Wien ansässigen Biotech-Unternehmen Affiris entwickelt wurde, beruht auf einer Immunisierungsstrategie. Prof. Poewe: „Ein Impfstoffkandidat wird derzeit im Rahmen des EU-geförderten Projekts SYMPATH an zwei Zentren in Wien und Innsbruck klinisch geprüft.“
Demenz: Kontrolle der Risikofaktoren zögert Erkrankungszeitpunkt hinaus 
„Demenzerkrankungen stellen eine der großen Herausforderungen für die moderne Neurologie dar“, sagt ÖGN-Präsident Univ.-Prof. Dr. Reinhold Schmidt (1. stv. Klinikvorstand, Universitätsklinik für Neurologie, Graz). „Waren 2010 noch knapp 36 Millionen Menschen weltweit von einer Form einer dementiellen Erkrankung betroffen, werden es WHO-Prognosen zufolge 2030 bereits 66 Millionen und 2050 125 Millionen sein, was einem Anstieg von 85 bzw. 225 Prozent entspricht.“
Am stärksten ist der erwartete Anstieg der Erkrankungsfälle in den Schwellen- und Entwicklungsländern, in Europa soll die Wachstumskurve mit einem Anstieg von 40 bzw. 87 Prozent flacher ausfallen. Auch kürzlich im New England Journal of Medicine publizierte Daten geben Anlass zur Vermutung, dass die Prävalenz-Entwicklung bei Demenzerkrankungen in einkommensstarken Ländern günstiger ausfallen dürfte als in einkommensschwachen. „Wir kennen noch nicht die genauen Ursachen für diesen Trend. Faktoren, die dazu beitragen dürften, sind wohl ein besseres Bildungsniveau, ein höherer sozio-ökonomischer Status sowie eine bessere Kontrolle und Behandlung von vaskulären Risikofaktoren wie hohem Blutdruck, ungünstigen Cholesterinwerten oder Diabetes“, so der ÖGN-Präsident.
Multimodaler Ansatz erlaubt Verbesserungen der kognitiven Funktion bei Personen mit hohem Demenzrisiko 
Auch die Ergebnisse der finnischen FINGER-Studie weisen in diese Richtung: Eine multimodale Intervention, bestehend aus Ernährungsempfehlungen, regelmäßiger Bewegung, kognitivem Training und einer engmaschigen Kontrolle von vaskulären Risikofaktoren, erwies sich in dieser Untersuchung als effektiv, um die kognitive Funktion von Menschen mit einem Demenzrisiko zu erhalten oder zu verbessern. „Schon geringe Verzögerungen des Demenzbeginns haben eine immense Bedeutung, weil dadurch nicht nur ein Plus an Lebensqualität und in Selbständigkeit verbrachten Lebensjahren erreicht wird, sondern auch massive Auswirkungen auf die gesellschaftliche Krankheitslast entstehen“, betont Prof. Schmidt. „Eine von der US-amerikanischen Alzheimer’s Association vorgestellte Berechnung zeigt, dass bei einer Verzögerung des Krankheitsbeginns um fünf Jahre die Prävalenz von Demenz innerhalb von 15 Jahren fast halbiert werden kann.“
Weltweit gilt die Aufmerksamkeit zahlreicher Forschergruppen der Entwicklung ursächlicher Behandlungsansätze gegen Demenz. Denn bisherige medikamentöse Therapieoptionen können zwar durch die Krankheit hervorgerufene Funktionsstörungen ausgleichen, nicht aber in den Krankheitsverlauf eingreifen oder ihn gar stoppen. „Eine Strategie besteht darin, prodromale Alzheimerstadien, also Vorläuferstadien der Erkrankung, zu identifizieren und definieren, um möglichst früh mit einer möglichen Behandlung beginnen zu können“, so Prof. Schmidt. „Angesichts des zunehmenden Wissens über die Bedeutung von pathologischem Beta-Amyloid und Tau-Protein in der Entstehung und dem Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit setzen aktuelle therapeutische Strategien an diesen Targets an.“ Das Tau-Protein ist bei Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung verändert und für die Neurodegeneration verantwortlich.
Die weltweit erste Tau-Impfstudie bei Alzheimerpatientinnen und -patienten wurde in Österreich durchgeführt und kürzlich abgeschlossen. „Die Ergebnisse dieser ersten Phase-1-Impfstudie zeigten ein sehr gutes Sicherheitsprofil und eine starke Immunantwort auf den Impfstoff“, berichtet der ÖGN-Präsident. „Auf Grundlage dieser Erfahrungen wird der Impfstoff nun in einer Phase-2-Studie geprüft, die ich von Österreich aus medizinisch koordiniere und die bis 2019 Ergebnisse liefern soll.“
Viele Neuerungen bei Multipler Sklerose
„Zu den entscheidenden Fortschritten, die wir aktuell bei der Multiplen Sklerose erleben, gehört die ständige Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten“,  sagt Univ.-Prof. Dr. Franz Fazekas, Vorstand der Grazer Universitätsklinik für Neurologie und Vizepräsident der European Academy of Neurology. „In den vergangenen Jahren wurden eine Reihe neuer Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen eingeführt und bei bereits verfügbaren Medikamenten gab es Verbesserungen durch andere Zubereitungsformen, die länger wirksam sind und damit eine seltenere Verabreichung möglich machen. Damit sind wir einer maßgeschneiderten, individualisierten Behandlung einige Schritte nähergekommen.“
Zuletzt gelang auch der Nachweis der Wirksamkeit eines neuen Therapieansatzes mit dem monoklonalen Anti-CD20-Antikörper Ocrelizumab. „Die neue Substanz hat eine den Interferonen überlegene Wirkung“, berichtet Prof. Fazekas. „Darüber hinaus hat sie sich in Studien nicht nur bei schubförmiger MS als wirksam erwiesen, sondern auch bei der primär progredienten Verlaufsform dieser Erkrankung.“ Bei dieser Verlaufsform kommt es von Beginn an zu einer kontinuierlichen Verschlechterung, meist in Form zunehmender Gehstörung, ohne dass Schübe im eigentlichen Sinn auftreten. Prof. Fazekas: „Mit dem neuen monoklonalen Antikörper wird vermutlich das erste Mal auch eine Therapie für diese bisher nicht adäquat therapierbare Verlaufsform der MS zur Verfügung stehen, die etwa fünf bis zehn Prozent der Menschen mit MS betrifft. Mit der Zulassung der neuen Therapie ist bereits im nächsten Jahr zu rechnen. Allerdings wird der Einsatz bei progredienter MS auch nur in einem frühen und sehr aktiven Stadium sinnvoll sein. Bei bereits fortgeschrittenen Fällen, also vor allem bei Menschen, die nur mehr sehr eingeschränkt gehfähig sind, ist weiterhin keine Hilfe zu erwarten.“
Individualisierung der Therapie zunehmend möglich
Die immer breitere Palette an Therapieoptionen, die zur Verfügung stehen, bedeute die Möglichkeit einer immer besseren Anpassung der MS-Behandlung an die individuellen Bedürfnisse und Vorstellungen der Patientinnen und Patienten, so Prof. Fazekas: „Die individuelle Prognose richtig einzuschätzen und die Wirkung und unerwünschten Wirkungen einer Substanz im konkreten Fall vorherzusagen ist eine oft schwierige Aufgabe. Allerdings gibt es immer mehr Evidenz, die uns dabei unterstützt. Einen wichtigen Beitrag leistet hier auch das MS-Therapieregister der ÖGN.“
Bei der Auswahl des individuell günstigsten Medikamentes ist es auch wichtig zu wissen, wie man dessen Wirksamkeit für die oder den Einzelnen am besten bestimmen kann bzw. ab wann und in welcher Form auf ein anderes Medikament umgestellt werden soll. Prof. Fazekas: „Die wiederholte klinische Untersuchung und eine gezielte bildgebende Kontrolluntersuchung können hier wertvolle Hinweise geben. Regelmäßige jährliche MRT-Untersuchung von Gehirn und Rückenmark sind außer bei speziellen Fragestellungen oder Therapien allerdings nicht notwendig.“
MS-Forschung: Enge Zusammenarbeit zwischen den Medizinuniversitäten 
Ein weiteres Plus an wissenschaftlichen Erkenntnissen ist durch die immer engere Zusammenarbeit zwischen den universitären Zentren in Österreich zu erwarten. „So wurde durch Forschungsgelder vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung der Aufbau einer gemeinsamen Plattform für Neuroimaging in Graz, Innsbruck und Wien und der Aufbau einer einheitlicher Datensammlung für MS-Forschung unterstützt“, berichtet Prof. Fazekas. „Die Österreichische MS-Forschungsgesellschaft fördert großzügig ein universitätsübergreifendes Forschungsprojekt an diesen drei Standorten, um den Langzeitverlauf von Menschen mit MS in Bezug auf Klinik, Bildgebung und mögliche Biomarker zu untersuchen.“
Read More